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Unter Geiern – Kapitel 1: Der Sohn des Bärenjägers

(Erzählung von Karl May)

Erster Teil

Der Sohn des Bärenjägers

Auf der Fährte

Nicht viel westwärts von der Gegend, wo die Ecken der drei nordamerikanischen Staaten Dakota, Nebraska und Wyoming zusammenstoßen, ritten zwei Männer, deren Erscheinen anderswo berechtigtes Aufsehen erregt hätte.

Sie waren von recht verschiedener Körpergestalt. Der eine maß mehr als zwei Meter, und die Figur war fast beängstigend dürr, während der andere bedeutend kleiner, dabei aber so dick war, dass sein Leib beinahe die Gestalt einer Kugel hatte.

Dennoch befanden sich die Gesichter der beiden Jäger in gleicher Höhe, denn der Kleine ritt einen hoch gebauten, starkknochigen Klepper, und der andere saß auf einem niedrigen, scheinbar schwachen Maultier. Daher kam es, dass die Lederriemen, die dem Dicken als Steigbügel dienten, nicht einmal die Bauchlinie des Pferdes erreichten, während der Lange gar keiner Bügel bedurfte, denn seine großen Füße hingen so weit herab, dass er nur eine kleine Bewegung seitwärts zu machen brauchte, um mit dem einen oder dem anderen Fuß den Boden zu erreichen, und zwar ohne dabei aus dem Sattel zu rutschen.

Freilich war von einem wirklichen Sattel bei beiden keine Rede. Der des Kleinen bestand einfach aus dem Rückstück eines erlegten Wolfs, an dem das Fell gelassen worden war, und der Dürre hatte eine alte Saltillodecke untergelegt, die aber so arg zerfetzt und zerrissen war, dass er eigentlich auf dem bloßen Rücken seines Maultiers saß.

Auch die Anzüge der beiden hatten ein recht seltsames Aussehen. Der Lange trug eine Lederhose, die jedenfalls für einen viel stärkeren Mann zugeschnitten und gefertigt sein musste. Sie war ihm viel zu weit. Unter dem abwechselnden Einfluss von Wärme und Kälte, von Trockenheit und regen war sie beträchtlich zusammengeschrumpft, und so kam es, dass die unteren Säume der Hosenbeine dem Träger kaum bis über die Knie reichten. Dabei zeigte die Hose einen fettigen Schimmer, was einfach darin begründet war, dass sie der Lange bei jeder Gelegenheit als Handtuch und Tischtuch benutzte und alles, was er nicht an den Fingern dulden mochte, am Beinkleid abzuwischen pflegte.

Die nackten Füße steckten in ganz unbeschreiblichen Lederschuhen. Sie hatten das Aussehen, als seien sie bereits von Methusalem getragen worden und als habe seitdem jeder Besitzer einige Lederstücke aufgeflickt. Ob sie jemals Schmiere oder gar Wichse gesehen hatten, war unmöglich zu bestimmen, da sie in allen sieben Regenbogenfarben schimmerten.

Der hagere Leib des Reiters steckte in einem ledernen Jagdhemd, das weder Knopf noch Heftel hatte und die braune Brust unbedeckt ließ. Die Ärmel reichten nur wenig bis über die Ellbogen vor, von wo aus die sehnigen, fleischlosen Vorderarme zu sehen waren. Um den langen Hals hatte der Mann ein baumwollenes Tuch geschlungen. Ob es früher einmal weiß oder schwarz, grün oder gelb, rot oder blau gewesen war, das wusste der Reiter selbst nicht mehr.

Das Pracht- und Prunkstück des Anzugs war jedenfalls der Hut, der auf dem hohen, spitzen Kopf saß. Er hatte früher einmal grau ausgesehen und diejenige Gestalt gehabt, die von unehrerbietigen Leuten „Angströhre“ genannt wird. Vielleicht hatte er vor undenkbaren Zeiten den Kopf eines englischen Lords gekrönt. Dann aber war er auf der Schicksalsleiter unaufhörlich abwärts gestiegen und endlich in die Hände des Präriejägers gekommen. Dieser Mann besaß nun keineswegs den Geschmack eines Lords. Er hielt die Krempe für überflüssig und hatte sie daher einfach abgerissen. Nur vorn hatte er ein Stück gelassen, teils zur Beschattung seiner Augen, teils als Handhabe, um die Kopfbedeckung bequem abnehmen zu können. Außerdem war er anscheinend der Meinung, dass der Kopf eines Präriemannes auch der Luft bedürfe, und so hatte er mit seinem Bowiemesser verschiedene Stiche in den Deckel und in die Seiten gemacht, so dass nun im Innern des Hutes der West- und Ost-, der Nord- und Südwind einander „Guten Tag“ sagen konnten.

Als Gürtel diente dem Langen ein dicker Strick, den er einige mal um seine Hüften geschlungen hatte. Darin steckten zwei Revolver und das Bowiemesser. Außerdem hingen daran der Kugelbeutel, das Pulverhorn, eine Tabaksblase, eine zusammengenähte Katzenhaut zur Aufnahme des Mehls, das Präriefeuerzeug und noch verschiedene andere Gegenstände, deren Bestimmung für jeden Uneingeweihten ein Rätsel war. Auf der Brust ruhte, an einem Riemen hängend, die Tabakspfeife – aber was für eine! Sie war das eigene Kunstwerk des Jägers, und da er sie schon längst bis vor an den Kopf abgebissen hatte, bestand sie jetzt nur noch aus dem Kopf und einem ausgehöhlten Holunderstengel. Der Lange hatte nämlich als leidenschaftlicher Raucher die Gewohnheit, das Rohr zu kauen, wenn ihm einmal der Tabak ausgegangen war.

Zu seiner Ehrenrettung muss bemerkt werden, dass sein Anzug nicht etwa nur aus den Schuhen, der Hose, dem Jagdhemd und dem Hut bestand. O nein! Er trug außerdem noch ein Stück, das sich nicht jedermann beschaffen kann: einen Gummimantel; und zwar einen echt amerikanischen nämlich von jener Sorte, die gleich beim ersten Regen auf die halbe ursprüngliche Länge und Weite zusammenschrumpft. Weil er ihn aus diesem Grund nicht mehr anziehen konnte, hatte er ihn wie eine Husarenjacke an einer Schnur malerisch um die Schulter gehängt. Außerdem trug er ein zusammengeschlunges Lariat (Anm. vwh: Lariat = Lasso), das von seiner linken Schulter nach der rechten Hüfe herabhing. Vor sich, quer über die Beine gelegt, hielt er eine Büchse, eine jener langen Rifles, mit denen der erfahrene Jäger fast nie sein Ziel verfehlt.

Wie alt dieser Mann war, konnte man ihm unmöglich ansehen. Sein hageres Gesicht zeigte unzählige Falten und Fältchen, und doch hatte es einen beinahe jugendlichen Ausdruck. Aus jedem Fältchen schien ein Schälkchen, aus jeder Falte ein Schalk herauszublicken. Das Gesicht war trotz dieser Runzeln und Runzelchen und trotz der unwirtlichen Gegend, in der er sich befand, glattrasiert; denn es gibt viele, sehr viele Westmänner, die gerade darin ihren Stolz suchen. Die großen, himmelblauen, weit geöffneten Augen hatte jenen scharfen Blick, den man bei Seeleuten und Bewohnern weiter Ebenen beobachten kann, und doch hätte man diesen Blick gern mit dem Ausdruck „kindlichtreu“ bezeichnen mögen.

Das Maultier war, wie bereits erwähnt, nur scheinbar schwach. Es trug den langen, knochigen Reiter mit Leichtigkeit und zeigte zuweilen sogar Lust gegen den Willen seines Herrn einen kurzen Streik zu versuchen, wurde dann aber allemal so kräftig zwischen die ewig langen Schenkel des Gebieters genommen, dass es den Widerstand schnell aufgab. Diese Tiere sind wegen ihres sicheren Schritts beliebt, aber auch bekannt wegen ihrer Neigung zu störrischer Widersetzlichkeit.

Was nun den anderen Reiter betrifft, so musste es bei der Glut, mit der die Sonne niederbrannte, auffallen, dass er einen Pelz trug. Freilich zeigte es sich, wenn durch irgendeine Bewegung des Dicken der Pelz einmal zurückgeschlagen wurde, dass diese Hülle an hochgradiger Haarlosigkeit litt. Es gab nur stellenweise ein kleines lichtes Büschel, etwa so wie in der unendlichen Wüste nur hier und da eine arme Oase anzutreffen ist. Selbst Kragen und Aufschläge waren so sehr gelichtet, dass man daran talergroße nackte Stellen fand. Unter diesem Pelz blickten rechts und links riesige Aufschlagstiefel hervor. Auf dem Kopf trug der Mann einen breitrandigen Panamahut, der ihm viel zu weit war, so dass er ihn, um aus den Augen sehen zu können, weit ins Genick hinunter schieben musste. Die Ärmel des Pelzes waren so lang, dass man die Hände nicht mehr sehen konnte. So war denn das Gesicht des Reiters das einzige, was man von ihm selbst erblickte. Aber dieses Gesicht war es auch wert, genau betrachtet zu werden.

Es war ebenfalls glattrasiert, ohne eine Spur von Bart. Die roten Wangen waren so voll, dass das Näschen nur einen fast erfolglosen Versuch machen konnte, zwischen ihnen zur Geltung zu kommen. Ebenso erging es den kleinen ,dunklen Äuglein, die zwischen Brauen und Wangen tief versteckt lagen. Ihr Blick hatte einen gutherzig-listigen Ausdruck. Überhaupt stand auf dem ganzen Gesicht geschrieben: „Schau mich mal an! Ich bin ein kleiner, prächtiger Kerl, und mit mir isst sehr gut auszukommen. Aber brav und verständig musst du sein, sonst hast du dich in mir verrechnet.“

Jetzt kam ein Windstoß und trieb dem Kleinen den Pelz vorn auseinander. Da konnte man sehen, dass er darunter eine blauwollene Hose und eine ebensolche Bluse trug. Um seine starken Hüften war ein Ledergürtel geschnallt, worin außer den Gegenständen, die auch der Lange besaß, noch ein indianischer Tomahawk steckte. Den Lasso hatte er vorn am Sattel hängen und daneben eine kurze, doppelläufige Kentuckybüchse, der man es ansah, dass sie schon in gar manchem Kampf als Angriffs- oder Verteidigungswaffe gedient hatte.

Und wer waren diese beiden Männer? Nun, der Kleine hieß Jakob Pfefferkorn, und der Lange führte den Namen David Kroners. Hätte man irgendeinem Westmann, einem Squatter oder Trapper diese beiden Namen genannt, so hätte er kopfschüttelnd gesagt, dass er von den zwei Jägern noch nie ein Wort gehört habe. Und doch wäre das gegen die Wahrheit gewesen, denn sie waren gar berühmte Pfadfinder und an manchem Lagerfeuer erzählte man sich seit Jahren von ihren Taten. Es gab kaum einen Ort von New York bis Frisco (Anm. vwh: Frisco = San Franzisco) und von den Seen im Norden bis an den mexikanischen Meerbusen, wo nicht das Lob dieser beiden Savannenmänner erschollen war. Freilich, die Namen Jakob Pfefferkorn und David Kroners waren nur ihnen selbst geläufig. In der Prärie, im Urwald und besonders bei den Rothäuten wird nicht nach dem Geburts- und Taufschein gefragt. Da erhält ein jeder sehr bald einen Namen, der seinen Erlebnissen oder Eigenschaften entspricht und rasch weiterverbreitet wird.

Kroners war ein Vollblut-Yankee und wurde nicht anders als der Lange Davy genannt. Pfefferkorn stammte aus Deutschland und wurde nach seinem Vornamen Jakob und seiner Körperform nur als der Dicke Jemmy bezeichnet. Jemmy ist nämlich der englische Ausdruck für Jaköbchen.

Als Davy und Jemmy waren sie überall bekannt, und man hätte im fernen Westen wohl selten einen Menschen getroffen, der nicht imstande gewesen wäre, die eine oder andere Heldentat von ihnen zu erzählen. Sie galten als unzertrennlich. Wenigstens gab es keinen ,der sich hätte besinnen können einen von ihnen jemals allein gesehen zu haben. Trat der Dicke an ein fremdes Lagerfeuer, so schaute man unwillkürlich dem Langen aus, und kam Davy in ein Store, um sich Pulver und Tabak zu kaufen, so wurde er sicherlich gefragt, was er für Jemmy mitnehmen wolle.

Ebenso unzertrennlich fühlten sich auch die beiden Tiere dieser Westmänner. Der große Klepper hätte wohl trotz allen Durstes an keinem Bach oder Fluss getrunken, wenn nicht zugleich mit ihm das kleine Maultier den Kopf zum Wasser niedergebeugt hätte. Und das Maultier wäre selbst im schönsten, saftigsten Gras mit erhobenem Kopf stehen geblieben, wenn es nicht der Klepper vorher leise angeschnaubt hätte, als ob er flüstern wolle: „Du, sie sind abgestiegen und braten sich ihre Büffellende. Nun wollen auch wir frühstücken, denn vor dem späten Abend gibt es ganz gewiss nichts mehr!“

Und dann sich gar in irgendeiner Not verlassen, das fiel den beiden Tieren überhaupt nicht ein. Ihre Herren hatten einander schon viele Male das Leben gerettet. Einer stürzte sich für den anderen ohne Bedenken in die größte Gefahr. So hatten auch die Tiere einander oft beigestanden, wenn es galt, den Kameraden herauszubeißen oder mit den kräftigen, scharfen Hufen gegen einen Feind zu verteidigen. Die vier, Menschen sowohl als Tiere, gehörten eben zusammen; sie wußten es gar nicht anders.

Jetzt trabten sie fröhlich in nördlicher Richtung dahin. Am Morgen hatte es für Pferd und Maultier Wasser und saftige Weide gegeben und für die beiden Jäger Wasser und die Keule eines Hirsches. Den Rest des Fleisches trug der Klepper, so dass an Hungersnot nicht zu denken war.

Unterdessen hatte die Sonne ihren höchsten Stand erreicht gehabt und war dann langsam tiefer gesunken. Es war zwar sehr heiß doch wehte ein erfrischender Windhauch über die Prärie, und der von zahllosen Blumen durchwirkte Büffelgrasteppich zeigte noch lange nicht die braune, verbrannte Farbe des Herbstes, sondern sein frisches Grün erquickte das Auge. Die über die Unendlich weite Ebene verstreuten, in Form von einzelnen, riesigen Kegeln sich erhebenden Felsenberge wurden von den schräg herabfallenden Strahlen der Sonne beleuchtet und glänzten auf ihren westlichen Seiten in glühender Farbenpracht, die nach Osten hin in immer tiefere, dunklere Töne verlief.

„Wie weit reiten wir heute noch?“ fragte der Dicke, nachdem sie stundenlang kein Wort gesprochen hatte. – „So weit wie alle Tage!“, antwortete der Lange. – „Well!“ lachte der Dicke. „Also bis zum Lagerplatz.“ – „Ay!“ Mister Davy hatte nämlich die Eigentümlichkeit, anstatt Yes stets die altertümliche Bejahung „Ay“ zu verwenden. Ja, er war immer originell, der Lange Davy!

Wieder verging eine Weile. Jemmy hütete sich sehr, sich durch eine weitere Frage abermals eine solche Antwort zu holen. Er betrachtete den Kameraden zuweilen mit seinen listigen Äuglein und wartete die Gelegenheit zur Rache ab. Endlich wurde die Stille dem Langen doch zu drückend. Er deutete mit der rechten hinaus in die Richtung, der sie folgten, und fragte: 2Kennst du diese Gegend?“ – „Sehr gut!“ „Nun? Was ist´s?“ – „Amerika!“

Der Lange zog unmutig die langen Beine empor und gab seinem Maultier einen Hieb. Dann meinte er: „Schlechter Kerl!“ – „Wer?“ – „Du!“ – „Ah! Ich? Wieso? „ – „Rachsüchtig!“ – „Gar nicht. Gust du mir dumme Antworten, so sehe ich nicht ein, warum ich geistreich sein soll, wenn du mich fragst.“ – „Geistreich? O weh! Du und geistreich! Du bestehst so sehr aus Fleisch, dass der Geist überhaupt keinen Platz haben würde.“ – „Oho! Hast du vergessen, was ich durchgemacht habe, drüben im alten Land?“ – „Ay! Eine Klasse des Gymnasiums! Ja, das weiß ich noch. Das kann ich überhaupt niemals vergessen, denn du erinnerst mich täglich wenigstens dreißigmal daran.“

Der Dicke warf sich in die Brust. „Das ist auch notwendig“, meinte er. „Eigentlich sollte ich es täglich vierzig- oder fünfzigmal erwähnen, da ich ein Mann bin, vor dem du gar nicht genug Hochachtung haben kannst. Übrigens habe ich nicht nur eine Klasse durchgemacht, sondern drei!“ – „Für das Weitere reichte aber der Verstand nicht aus…“ – „Sei still! Das Geld wurde alle. Verstand hätte ich mehr als genug gehabt. Übrigens weiß ich sehr wohl, was du vorhin meintest. Diese Gegend werde ich nicht vergessen. Weißt du, da drüben hinter den Höhen lernten wir uns kennen.“ – „Ay! Das war ein schlimmer Tag. Ich hatte all mein Pulver verschossen und wurde von den Sioux gejagt. Schließlich konnte ich nicht weiter, und sie schlugen mich nieder. Am Abend aber kamst du.“ – „Ja, die dummen Kerle hatten ein Feuer angebrannt, das man droben in Kanada hätte sehen können. Ich bemerkte es und schlich mich hinzu. Da gewahrte ich fünf Sioux, die einen Weißen gefesselt hatten. Na, ich hatte mich nicht verschossen wie du. Zwei wurden von meinen Kugeln getroffen, und drei entflohen, weil sie nicht ahnten, dass sie es nur mit einem einzelnen zu tun hatten. Du warst frei.“ – „Frei war ich allerdings, aber auch zornig auf dich!“ – „Darüber dass ich die beiden Indsmen nicht erschossen, sondern nur verwundet hatte, ja. Aber ein Indsman ist auch ein Mensch, und ich töte niemals einen Menschen, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Ich bin eben ein Deutscher und kein Kannibale!“ – „Bin ich etwas einer?“ – „Hm!“ brummte der Dicke. „Jetzt bist du freilich anders als früher. Da hattest du, wie so viele andere, die Ansicht, dass man die Roten nicht schnell genug ausrotten könne. Ich habe dich geradezu zu meiner Meinung bekehren müssen.“ – „Ja, ihr Deutschen seid eigenartige Kerle. Mild, weich wie Butter! Wenn es aber sein muß, stellt ihr euren Mann wie sonst einer. Ihr möchtet alle Welt mit Samthandschuhen anfassen, und doch schlagt ihr gleich mit dem Kolben drein, wenn ihr meint, dass ihr auch endlich wehren müsst. So seid ihr alle, und so bist auch du.“ – „Und ich freue mich, dass es so ist. Aber schau, dort scheint ein strich durch das Gras zu gehen!“

Jemmy hielt sein Pferd an und deutete zu einem Felsen hinüber, an dessen Fuß eine lange, dunkle Linie durch das Gras lief.

Auch Davy zügelte sein Tier, beschattete die Augen mit einer Hand und musterte die betreffende Stelle. Dann sagte er: „Du sollst mich zwingen dürfen, einen Zentner Büffelfleisch ungebraten zu essen, wenn das nicht eine Fährte ist.“ – „Auch ich halte es dafür. Wollen wir uns das Ding einmal genauer betrachten, Davy?“ – „Wollen? Wer spricht vom Wollen, wenn man muss? In dieser alten Prärie ist man gezwungen, an keiner Spur leichtsinnig vorüberzugehen. Man muss stets wissen wen man vor oder hinter sich hat, sonst kann es leicht geschehen, dass man früh tot aufsteht, wenn man sich a Abend lebendig ins Gras gelegt hat. Vorwärts also!“

Sie ritten bis an den Felsen heran und musterten die Fährte mit Kenneraugen. Jemmy sprang vom Pferd und kniet im Gras nieder. Sein alter Klepper hielt, als ob er Menschenverstand besitze, das Maul in das niedergetretene Grün und schnaubte leise. Auch das Maultier trat herbei, wedelte mit dem Schwanz und den beiden langen Ohren und schien sich die Fährte zu betrachten.

„Nun?“ fragte Davy, dem die Untersuchung zu lange dauerte. „Ist´s gar so wichtig?“ – „Ja. Hier ist ein Indianer geritten.“ – „Meinst du? Das wäre freilich auffallend, da wir uns nicht auf dem Jagd- oder Weidegrund eines Stammes befinden. Warum vermutest du, dass es ein Indsman war?“ – „Ich sehe an den Hufspuren, dass das Pferd auf indianische Weise geschult ist.“ – „Dennoch kann es von einem Weißen geritten werden.“ – „Das sage ich mir auch, aber… aber…“

Jemmy schüttelte nachdenklich den Kopf und verfolgte die Spur eine kurze Strecke weiter. Dann rief er zurück:

„Komm nach! Das Pferd war nicht beschlagen. Ferner war es müde, und dennoch hat es galoppieren müssen. Der Reiter hat es also sehr eilig gehabt.“

Jetzt stieg auch Davy ab. Was er gehört hatte, war wichtig genug, um sich eingehend damit zu befassen. Er schritt dem Dicken nach, und die beiden Tiere liefen unaufgefordert hinter ihm her. Bei Jemmy angekommen, ging er mit ihm noch weiter an der Fährte entlang.

„Du“, meinte er, „das Pferd war wirklich übermüdet. Es ist oft gestrauchelt. Wer sein Tier derart anstrengt, muss triftige Veranlassung dazu haben. Entweder wurde der Mann verfolgt, oder er hatte Grund, sein Ziel so schnell wie möglich zu erreichen.“ – „Das zweite ist der Fall, das erste nicht.“ – „Wieso?“ – „Wie alt ist diese Fährte?“ – „Zwei Stunden ungefähr.“ – „Das sage ich auch. Noch gibt es keine Spur eines Verfolgers, und wer einen Vorsprung von zwei Stunden hat, reitet sein Pferd nicht zu Tode. Übrigens gibt es hier vor viele zerstreute Felsen, dass es ihm leicht gewesen wäre, einen Verfolger irrezuführen. Der Verfolgte brauchte nur unbemerkt einen Bogen zu schlagen oder im Kreis zu reiten. Meinst du nicht auch?“ – „Ja. Uns beiden zum Beispiel würde ein Vorsprung von zwei Minuten genügen, um die Verfolger mit einer ganz gehörigen Nase heimzuschicken. Also stimme ich dir bei. Der Mann hat schnell an sein Ziel gewollt. Aber wo mag das liegen?“ – „Jedenfalls nicht weit von hier.“

Der Lange blickte dem Dicken erstaunt ins Gesicht.

„Du scheinst heute allwissend zu sein!“ sagte er. – „Um das zu erraten, bedarf es keiner Allwissenheit, sondern nur eines Nachdenkens.“ – „So! Nun, ich denke ja soeben auch darüber nach, nur leider vergeblich.“ – „Das ist bei dir kein Wunder.“ – „Wieso?“ – „Du bist zu lang. Ehe bei dir die Überlegung von der Fährte hier unten bis hinauf in den Verstand kommt, können Jahre vergehen. Ich sage dir, dass das Ziel des Reiters gar nicht weit von hier zu suchen ist, sonst hätte er sein Pferd geschont.“ – „So! Den Grund höre ich; aber begreifen kann ich ihn nicht.“ – „Nun, ich schätze: Hätte der Mann noch einen Tagesritt zu machen gehabt, so hätte er das erschöpfte Tier unbedingt erst einige Stunden lang ausruhen lassen müssen und sodann die Versäumnis nachholen können. Weil er aber den Ort, den er erreichen will, nahe wusste, hat er geglaubt, diese Strecke trotz der Müdigkeit seines Pferdes heute noch zurücklegen zu können.“ – „Höre, mein alter Jemmy, das, was du da sagst, klingt nich so uneben. Ich gebe dir abermals recht.“

„Dieses Lob ist überflüssig. Wer fast dreißig Jahre lang in der Savanne herumgestolpert ist kann wohl auch einmal auf einen klugen Gedanken kommen. Der Mann ist jedenfalls ein Bote. Er hat es eilig gehabt; seine Angelegenheit war von großer Wichtigkeit. Ein Indsman ist aller Wahrscheinlichkeit nur der Bote zwischen Indianern, uns so möchte ich fast behaupten, dass sich Rothäute hier in der Nähe befinden.

Der Lange Davy stieß einen leisen Pfiff zwischen den Zähnen hervor und ließ seinen Blick nachdenklich rundum schweifen.

„Unangenehm, recht unangenehm!“ brummte er. „Der Kerl kommt von Indianern und geht zu Indianern. Wir befinden uns demnach zwischen ihnen , ohne zu wissen, wo sie stecken. Also können wir leicht auf die eine Horde stoßen und unsere Skalpe zum Jahrmarkt tragen.“

„Das ist freilich zu befürchten. Wir müssen der Fährte folgen.“ – „Richtig! Dann wissen wir, dass sich die eine Schar der Roten vor uns befindet, und sie hat keine Ahnung von uns. Wir sind also im Vorteil. Aber neugierig bin ich doch, zu welchem Stamm der Bote gehören mag.“ – „Ich ebenso. Erraten lässt es sich nicht. Da oben im nördlichen Montana gibt es die Schwarzfuß-, Pigan- und Blutindianer. Die kommen nicht herüber. Am Knie des Missouri lagern die Riccarees, die ebensowenig hier etwas zu suchen haben. Die Sioux? Hm! Hast du etwas gehört, dass sie in neuerer Zeit das Kriegsbeil ausgegraben haben?“ – „Nein.“ – „So wollen wir uns jetzt den Kopf nicht zerbrechen; aber vorsichtig müssen wir sein. Wir befinden uns in einer Gegend, die uns gut bekannt ist und wenn wir nicht geradezu Dummheiten machen, kann uns nichts geschehen. Komm!“

Sie saßen wieder auf und folgten der Fährte, die sie genau im Auge behielten, dabei aber auch scharf nach vorn und den Seiten ausschauend, um ja irgend etwas Feindseliges sofort zu entdecken.

Es verging wohl eine Stunde, und die Sonne sank immer tiefer. Der Wind erhob sich mehr und mehr, und die Hitze des Tages ließ schnell nach. Bald bemerkten sie, dass der Indianer nur noch im Schritt geritten war. An einer unebenen Stelle schien sein Pferd von Übermüdung gestolpert und in die Knie gesunken zu sein. Jemmy stieg sofort ab und untersuchte die Stelle.

„Ja, es ist ein Indsman“, erklärte er „Er ist abgesprungen. Seine Mokassins sind mit Stachelschweinborsten verziert. Hier liegt eine abgebrochene Spitze davon. Und hier… ah, der Kerl muss noch jung sein!“ – „Warum?“ fragte der Lange, der auf seinem Tier sitzen geblieben war. – „Die Stelle ist sandig, und sein Fuß hat sich genau abgezeichnet. Wenn ich nicht annehmen soll, dass es ein Squaw war, so…“ – „Unsinn! Eine Frau kommt nicht allein hierher.“ – „…so ist er ein junger Mensch, wahrscheinlich höchstens achtzehn Jahre alt.“ – „So, so! Das klingt gefährlich. Es gibt Stämme, bei denen gerade diese jungen Krieger als Kundschafter benutzt werden. Sehen wir uns also vor!“

Die beiden ritten wieder weiter. Während sie bisher durch eine Blumenprärie gekommen sind, tauchte jetzt hier und da ein Gebüsch auf, erst vereinzelt, dann in zusammenstehenden Gruppen. In der Ferne schien es Bäume zu geben.

Endlich kamen sie an eine Stelle, wo der Reiter kurze Zeit abgestiegen war, um seinem Pferd eine freilich nur kurze Ruhe zu gönnen. Dann war er zu Fuß weiter geschritten, das Tier am Zügel führend.

Die vorliegenden Büsche hemmten jetzt zuweilen die Aussicht so, dass Vorsicht doppelt nötig wurde. Davy ritt voran, und Jemmy folgte. Auf einmal sagte der Dicke: „Du, Langer, hier am Busch hing ein Schwanzhaar, das dem müden Gaul ausgerissen wurde.“ – „Ay! Aber sprich nicht so laut! Hier können wir jeden Augenblick auf Leute stoßen, die wir erst sehen, wenn sie uns bereits erschossen haben!“ – „Das fürchte ich nicht. Ich kann mich da auf mein Pferd verlassen. Es schnaubt, sobald es einen Feind wittert. Also nur immer getrost weiter!“

Der Lange Davy folgte wohl dieser Aufforderung, blieb aber im nächsten Augenblick wieder halten. „Alle Teufel!“ sagte er. „Da ist etwas vorgegangen!“

Der Dicke trieb sein Pferd an und gelangte nach wenigen Schritten durch die Büsche auf einen freien Platz. Vor ihnen erhob sich einer jener kegelförmigen Felsen, deren es in dieser Prärie so viele gibt. Die Fährte führte hart an ihm vorüber und sprang sodann in einem scharfen Winkel nach rechts ab. Das sahen die beiden deutlich, aber sie gewahrten noch etwas. Von der anderen Seite des Felsens her zogen sich nämlich Spuren zu der genannten Fährte hinüber, um sich mit ihr zu vereinigen.

„Was meinst du dazu?“ fragte der Lange. – „Dass da hinter diesen Felsen Menschen lagerten, die den Indsman vorüberließen und dann verfolgten.“ – „Vielleicht sind sie bereits wieder fort!“ – „Oder es sind welche zurückgeblieben. Warte hier hinter den Büschen! Ich will einmal meine Nase um die Ecke stecken.“ – „Steck sie nur nicht etwa in einen geladenen Flintenlauf, der im Losgehen ist! – „Nein, dazu wäre die deinige besser geeignet.“

Jemmy stieg ab, überreichte dem Langen die Zügel seines Kleppers und rannte in vollem Lauf auf den Felsen zu.

„Schlauer Fuchs!“ brummte Davy befriedigt vor sich. „Hier würde das Anschleichen zuviel Zeit erfordern. Man sollte gar nicht glauben, dass der Dicke so springen kann!“

An der Rückseite des Felsens angekommen, schlich sich der Kleine langsam und vorichtig nach vorn und verschwand hinter einer vorspringenden Kante. Bald jedoch erschien er wieder und gab dem Langen einen Wink, indem er mit dem Arm einen Bogen beschrieb. Davy verstand richtig, dass er nicht geradewegs nach dem Felsen reite sollte, und schlug zwischen den Büschen hindurch einen Bogen, bis er auf die neue Fährte traf und auf ihr zu Jemmy an den Felsen gelangte.

„Was sagst du dazu?“ fragte der Dicke, und zeigte auf den Platz, der vor ihnen lag.

Hier hatte sich ein Lager befunden. Einige eiserne Kessel lagen noch am Boden, mehrere Hacken und Schaufeln, eine Kaffeemühle, ein Mörser, verschiedene kleinere und größere Pakete – die Spur eines Lagerfeuers war aber war nicht zu sehen.

„Na“, entgegnete der Gefragte kopfschüttelnd. „Diejenigen, die sich hier so häuslich niedergelassen hatte, mögen sehr unvorsichtige Leute oder noch ganz grün im Westen sein. Man sieht die Spuren von wenigstens fünfzehn Pferden, aber kein einziges war angepflockt oder auch nur angehobbelt. Wie es scheint, waren mehrere Packtiere darunter. Auch die sind fort. Wohin? Das ist eine ganz heillose Wirtschaft! Man sollte diesen Leuten einen tüchtigen Stock auf den Rcken geben!“ – „Ja, das haben sie verdient. So wenig Erfahrung, und machen sich nach dem fernen Westen herbei! Es kann freilich nicht ein jeder auf dem Gymnasium gewesen sein…“ – „Wie du“, fiel der Lange schnell ein. – „Ja, wie ich! Aber ein wenig Mutterwitz und Überlegung sollte doch ein jeder besitzen. Der Indianer ist ganz ahnungslos hier um die Ecke gekommen und hat, sobald er sie erblickte, es vorgezogen, schnell davon zu reiten anstatt umzukehren. Da ist ihm die ganze Rotte spornstreichs nach.“ – „Ob sie ihm feindlich gesinnt waren?“ – „Natürlich sonst hätten sie ihn doch nicht verfolgt. Und für uns kann das verhängnisvoll werden. Den Roten ist es ganz gleich, ob hinterher ihre Rache den wirklich Schuldigen oder einen anderen trifft.“ – „So müssen wir schleunigst nach, um Unheil zu verhüten.“ – „Ja, lange werden wir nicht zu reiten haben, denn weit ist der Indsman mit seinem abgematteten Pferd noch nicht gekommen.“

Sie stiegen wieder auf und folgten im Galopp der Fährte, von der nach rechts und links einige Hufspuren abzweigten, jedenfalls von den durchgegangenen Packpferden herrührend. Nach einer Weile hielt Jemmy plötzlich sein Tier an. Er hatte laute Stimmen vernommen und lenkte rasch zur Seite in ein Gesträuch hinein, wohin Davy ihm folgte. Beide horchten. Sie hörten mehrere Menschen durcheinander sprechen.

„Da sind sie jedenfalls“, meinte der Dicke. „Die Stimmen kommen nicht näher; sie scheinen sich also noch nicht auf dem Rückweg zu befinden. Wollen wir sie belauschen, Davy?“ – „Gewiss. Die Pferde hobbeln wir einstweilen an.“ – „Nein, das könnte uns verraten. Wir müssen sie festbinden, damit sie nicht weiter fortkönnen, als wir erlauben.“

„Anhobbeln“ ist ein Trapperausdruck und heißt, den Pferden die Vorderbeine so zusammenfesseln, dass sie nur kleine Schritte machen können. Das tut man nur wenn man sich in Sicherheit weiß, sonst aber werden die Tiere an Bäumen festgebunden oder an kurzen Pfählen, die man in die Erde schlägt. Gewöhnlich führen die Jäger in der holzarmen Prärie zu diesem Zweick spitze Pflöcke mit sich.

Die beiden unzertrennlichen banden also ihre Tiere an den Sträuchern fest und schlichen sich dann nach der Richtung hin, woher die Stimmen zu hören waren. Sie kamen bald an ein kleines Flüsschen oder vielmehr an einen Bach, der jetzt nicht viel Wasser hatte, dessen hohe Ufer aber zeigten, dass er im Frühjahr eine ganz ansehnliche Wassermenge mit sich führe. Er machte hier eine Krümmung, in der neun wild aussehende Männer teils standen, teils im Gras hockten. In ihrer Mitte lag ein junger Indianer, der an Händen und Füßen so gefesselt war, dass er kein Glied rühren konnte. Jenseits des Wassers aber, unterhalb des hohen Ufers, das es nicht mehr zu erklimmen vermocht hatte, lag das Pferd des Roten mit schlagenden Flanken und laut schnaubend. Die Tiere der anderen standen bei ihren Herren.

Die Männer machten sämtlich keinen guten Eindruck. Ein echter Westmann sagte sich bei ihrem Anblick wohl sofort, dass er eine Rotte jenes Gesindels vor sich habe, über das im fernen Western nur Richter Lynch die Oberhand behält.

Jemmy und Davy kauerten hinter einem Busch und betrachteten die Gruppe. Die Männer flüsterten eifrig miteinander. Sie schienen über das Schicksal des Gefangenen zu beraten.

„Wie gefallen sie dir?“ fragte der Dicke leise. – „Ganz so wie dir, nämlich gar nicht.“ – „Ohrfeigengesichter! Der arme rote Junge kann mir leid tun. Zu welchem Stamm zählst du ihn?“ – „Darüber bin ich mir noch nicht klar. Er ist nicht bemalt und trägt auch sonst kein Abzeichen. Soviel aber ist sicher, dass er sich nicht auf dem Kriegspfad befunden hat. Wollen wir ihn in unseren Schutz nehmen?“ – „Versteht sich, denn ich glaube nicht, dass er diesen Präriegeiern Veranlassung zu ihrem feindseligen Verhalten gegeben hatt. Komm wir wollen einige Worte mit ihnen reden!“ – „Und wenn sie nicht auf uns hören?“ – „So haben wir die Wahl, mit Gewalt oder auch mit List unseren Willen durchzusetzen. Ich fürchte diese Kerle nicht. Aber eine Kugel trifft auch dann, wenn sie von einem feigen Schurken abgeschossen wird. Wollen sie gar nicht wissen lassen, dass wir beritten sind, und besser ist´s auch, wir kommen von der anderen Seite des Wasser, damit sie nicht merken, dass wir bereits ihr Lager gesehen haben.“

(Fortsetzung: Kapitel 2 – Der Hobble-Frank)

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