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Die erste Lehrerin

Kapitel 2: Die erste Lehrerin

Die neue Lehrerin war angekommen. Sie hießt Franziska Lechner und sah eher sanft als energisch aus, und niemand konnte sich recht vorstellen, wie sie den Rohrstock gebrauchen würde. Aber da es Sommer war und die Leute viel Arbeit hatten, fand niemand Zeit, über die neue Schulmeisterin nachzudenken.

Franziska stand am Fenster ihrer kleinen Wohnung und schaute auf den grünen Weideboden vor dem Haus und zu den dunklen Tannen im Hintergrund. Der Blick aus dem Fenster gefiel ihr.

Die Lehrerin war von dem Gemeindevorsteher empfangen und über ihre Tätigkeit aufgeklärt worden. In der nächsten Zeit bis zum Herbst würde sie nicht viel zu tun haben, da die Buben alle beim Vieh auf der Alm oder zu sonstiger Arbeit draußen verwendet würden. Die ganz Kleinen, die der Mutter im Wege seien, kämen vielleicht manchmal in die Schule, und von den Mädchen kämen auch nur die, die nichts besseres zu tun wüssten. Viele von ihnen könnte man nämlich zum Hüten der Geißen gebrauchen. Die Schule sei eigentlich nur für den Winter da. Weil man aber nun endlich eine Lehrkraft bekommen habe, hätte man sie auch anfangen lassen. Es seien noch eine Menge anderer Arbeiten da, wie das Schreiben wichtiger Briefe für den Gemeinderat und für andere Dorfbewohner, die nicht mit Papier und Federhalter umzugehen verstanden. Außerdem sei der Lehrer hier so etwas wie ein Stellvertreter des Pfarrers. Hinterwald hatte damals noch keine eigene Kirche, und der Pfarrer kam nur, wenn er aus dem Nachbardorf gerufen wurde.

Am Morgen des ersten Schultages ging Franziska trotz der nicht gerade ermutigenden Worte des Gemeindevorstehers pünktlich in die Schulstube hinunter. Eine ganze Weile blieb sie allein dort. Dann hörte sie Lärm vor den Fenstern und sah, dass sich ein ziemlich großer Kinderschwarm versammelt hatte. Sie blieben aber alle draußen. Offenbar wollte keins der Kinder zuerst die Schule betreten, wohl aus Scheu vor der neuen Lehrerin. Endlich wurde die Tür aufgemacht. Da aber nun alle zugleich hineinwollten, kam trotz aller Anstrengung niemand hinein.

„Seid ihr´s gewohnt, so in die Schule einzutreten?“ rief ihnen Franziska entgegen.

Sie erhielt keine Antwort, aber die ersten fünf, die sich mit Gewalt zuerst durch den Eingang drängen wollten, schüttelten verneinend den Kopf.

„So braucht ihr´s doch heute auch nicht zu tun! Nun kommt einer nach dem anderen herein und gebt mir zur Begrüßung die Hand“, sagte Franziska. „Jeder nennt mir auch gleich seinen Namen.“

Die Kinder schauten einander an, als wollte einer vom anderen erfahren, wer nun zuerst auf die Lehrerin zutreten sollte. Aber keiner machte den Anfang. Franziska fragte freundlich: „Nun, wer gibt mir zuerst die Hand?“

Jetzt kam ein Mädchen auf die Lehrerin zu. Augenblicklich stürzten die anderen nach. „Lisi“, stellt sich das Mädchen vor. Es war ein Kind mit lustigen braunen Augen und einer entsetzlichen Haarwildnis auf dem Kopf.

Nun kam ein Kind nach dem anderen. Die Lehrerin musste viele schmutzige Hände drücken. Die Namen wurden so schnell nacheinander genannt, dass Franziska kaum einen verstehen konnte. Während sie noch einen Teil der Kinder begrüßte, hatten sich drei Buben, die heute eigentlich nur aus Neugier mal erschienen waren, in den Kampf gestürzt. Die Mädchen zeigten mit Geschrei ihre Teilnahme für den einen oder anderen an. Franziska löste die Kämpfenden und sagte: 2Ihr solltet euch schämen, nur zum Prügeln in die Schule zu kommen.“

Zwei zogen sich still zurück, der dritte aber sagte keck: „Das war noch gar nichts. Sie sollten erst den Chel sehen, der haut noch anders zu.“

„Ist er auch hier?“ wollte Franziska wissen.

„Nein, nein“, erklärte Lisi, „der kommt ja nicht einmal im Winter.“ Dann fügte sie noch erklärend hinzu: „Er ist er Sohn vom Hecken-Hannes.“ Aber diese Erklärung sagte Franziska gar nichts.

„Ich muss vor allem noch einmal eure Familiennamen hören, denn ich will sie mir notieren“, nahm Franziska wieder das Wort.

„Nun fing es an: Lisi Metzler, Greti Metzler, Stüdi Metzler, Anni, Trudi, Trini, Käthi, Mädi Metzler…“

„Ihr könnt doch nicht alle Metzler heißen“, fiel Franziska hier ein.

„Doch freilich, wir heißen alle so, jedenfalls die meisten“, erläuterte Lisi. „Die anderen heißen dann Wächter, Hupf, Häderli oder Tüli.“

Auf die Frage, wie man denn alle Metzlers auseinanderhalten könne, antwortete Lisi: „Das geht recht gut, denn sie haben Beinamen bekommen und heißen nun: Ober- und Unter-Metzler, der Metzler vor dem Bach und der hinterm Bach, der Metzler am Wald und im Wald, dann noch Metzlers im Vogelschrei und Metzlers beim Kracher. Das ist dort, wo´s im Felsen kracht und donnert“, schloss die Lisi ihre Erklärung.

Franziskas Blick blieb wieder am Kopf ihrer Schülerin hängen. Die schwarzen Haare ringelten sich in unbeschreiblichem Durcheinander bis auf die Schultern, teils waren sie ineinander verknotet und bildeten dicke Knäuel, teils standen sie senkrecht empor.

„Lisi, nun sag mir noch, wann du dich zum letzten Mal gekämmt hast?“ wollte Franziska wissen.

„Man braucht´s nicht zu kämmen, und man kann es auch gar nicht bei den Locken“, entgegnete Lisi. „Die Mutter schneidet´s ab, wenn´s zu dick ist, und dann wächst es wieder.“

„Was, du wirst nie gekämmt?“ rief Franziska entsetzt aus. „Nun begreife ich deinen seltsamen Haarwuchs. Warum kämmst du dich denn nicht selbst, wenn die Mutter keine Zeit hat?“

Die Lisi erklärte, dass schon einige Kämme auf ihrem Kopf zerbrochen seien. Außerdem habe die Frisur bisher niemanden gestört.

Franziska sah über sämtliche Köpfe hin. Sie sahen alle mehr oder weniger verwildert aus, jedenfalls die Mädchen. Die Buben waren so kurz geschoren, dass ihre Kahlköpfe zu den unordentlichen Haaren der Mädchen in einem besonders auffallenden Gegensatz standen.

Franziska wandte sich an die Mädchen: „Morgen seid ihr jedenfalls gekämmt oder ihr braucht überhaupt nicht in die Schule zu kommen!“ Diesen Ausspruch sollte sie allerdings bereuen.

„Noch etwas anderes sehe ich“, fuhr sie fort, „das mir nicht gefallen will. Du, dort auf der ersten Bank…“

„Metzler am Kracher“, schrie die Lisi dazwischen.

„Also du, Metzler am Kracher, hast ja gar keine Ellenbogen mehr in deinen Hemdsärmeln, sondern nur noch zwei große Löcher. Die müssen geflickt werden.“

„Es hat auch noch zwei Löcher hinten“, trompeteten jetzt ein paar Mädchen, die hinter ihm saßen.

„Sag deiner Mutter, sie soll dir das Zeug in Ordnung bringen“, befahl Franziska, die dergleichen noch nie gesehen hatte. Und ihr anderen tut dasselbe, ihr habt´s alle nötig“, schloss sie.

Den Rest der Zeit am Vormittag verwandte Franziska dazu, sich die Namen der Kinder einzuprägen. Am Nachmittag wollte sie dann mit dem eigentlichen Unterricht beginnen. Aber es erschien keins der Kinder. Auch am nächsten Tag blieb die Lehrerin vor leeren Bänken sitzen. Am folgenden Tag war es nicht anders.

Nun musste etwas geschehen. Franziska beschloss, den Gemeindevorsteher aufzusuchen.

Als die Lehrerin aus dem Haus trat, traf sie die Lisi. Das Kind wollte sich zur Seite drücken, doch Franziska sagte freundlich: „Komm nur näher, wir haben uns lange nicht gesehen. Aber wir kennen uns doch! Warum bis du nicht mehr zur Schule gekommen?“

„Wir sollten ja nicht in die Schule kommen, wenn wir nicht gekämmt sind“, gab Lisi zur Antwort.

„Warum hast du deiner Mutter nicht gesagt, dass sie einen Kamm besorgen möchte?“ wollte die Lehrerin wissen.

Das Kind wurde nun lebhaft: „Ich habe es ja getan, aber die Mutter hat gesagt, dass man sich jetzt in der Heuernte nicht mit solchen Dingen aufhalten kann. Dort kommt sie!“

Das Kind wies auf eine Frau, die mit einer Harke über der Schulte und einem Korb Holz am Arm daherkam. Auf jeder Seite hing ihr ein kleiner Bub am Rock. Ein Mädchen, das nicht viel größer war, folgte nach.

„Ich muss das Abendessen vorbereiten“, sagte Lisi und lief ohne Abschied von der Lehrerin fort ins Haus hineinwollten

Die Frau wollte achtlos an Franziska vorübergehen, aber die Lehrerin sagte: „Ich bin die neue Schulmeisterin, Frau Metzler. Ich bin hier, um mich zu erkundigen, warum Ihre Kinder nicht in die Schule kommen.“

Die Frau hatte die Harke von der Schulter genommen und stützte sich nun darauf. Dann sagte sie gleichgültig und müde:

„Wenn man so viel zu tun hat wie unsereins, kann niemand verlangen, dass man eines Kammes wegen über eine Stunde zum Krämer läuft. Und dann müsste man sich auch erst noch besinnen, ob das Geld nicht nötiger gebraucht wird. Die Untermetzlerin schickt die buchen auch nicht mehr. Sie sagt, sie habe in der Heuernte keine Zeit, Hemden zu flicken. Unser alter Schulmeister hat so etwas verstanden, und Sie werden´s halt auch noch lernen müssen, Fräulein.“

Damit ließ die Frau die Lehrerin einfach stehen und ging wie ihre Tochter ohne Gruß ins Haus hinein.

Franziska sah, dass sie so nicht weiterkommen würde. „Die Lisi soll morgen kommen, auch ungekämmt!“ rief sie der Frau noch nach. Aber sie wusste nicht, ob die Mutter sie verstanden hatte. Doch Lisi steckte ihren Kopf durchs Fenster und nickte der Lehrerin zu. Sie hatte es also gehört!

Nun ging Franziska auf das Häuschen des Gemeindevorstehers zu. Er stand in der Tür und wartete offenbar auf sein Abendessen.

„Ich bin gekommen, Sie zu Fragen, wie es nun mit der Schule werden soll“, redete Franziska den Gemeindevorsteher an. „Da kommt am ersten Tag eine ganze Schar Kinder, und dann kommt kein einziges mehr. So kann´s nicht weitergehen!“

Gemeindevorsteher Wächter war gar nicht verlegen. „Ich hab´s wohl gewusst, dass es so kommen wird. Bei uns geht’s nicht so, wie eine Lehrerin sich das denkt. Ich habe gleich gesagt, mit einer Frau als Schulmeister geht’s schief!“

„Dann kann ich ja gleich wieder abreisen“, meinte Franziska. „Die Schreibarbeiten für die Gemeinde habe ich längst erledigt. Was soll ich noch hier tun? Vielleicht waren, bis es Winter wird?“

In diesem Augenblick kam ein kleiner Bub aus der Küche herausgeschossen, um zu sehen, was es draußen gäbe. Aber die Mutter rief ihn zurück. Und laut genug, damit es Franziska auch hören sollen, sagte sie: „Das vornehme Fräulein würde Augen machen, wenn es dich so sehen würde!“

Aber Franziska hatte den Buben schon gesehen, wenn es war ihr nicht entgangen, dass sein eines Bein aus dem Hosenbein herausguckte. Die Lehrerin, die mit so viel Mut und Freude an ihrer Arbeit hierhergekommen war, zuckte mutlos die Schultern und kehrte schweigend um.

Eben war sie wieder in ihre Wohnung getreten, als draußen ein schrecklicher Lärm erscholl. Sie trat an das offene Fenster. Schreiend kam ein Rudel Buben dahergelaufen. Gerade vor dem Schulhaus begann ein heftiger Kampf. Es waren fünf gegen einen, der fürchterlich zerfetzt und heruntergekommen aussah. Aber er wehrte sich mit blitzenden Augen und knirschenden Zähnen.

„Wart nur, Chel“, rief ihm jetzt einer zu, „wart nur, dort steht die Lehrerin. Sie wird dich ins Loch stecken!“

Chel schaute auf, ergriff einen großen Stein und warf ihn gegen das Fenster. Der Blumentopf fiel klirrend vom Gesims. Die schönen Resedapflanzen waren völlig zersaust. Einen Augenblick lang sah der Bube zum Fenster empor, dann lief er fort. Die anderen stoben nun ebenfalls auseinander.

Am anderen Tag blieb die Lehrerin wieder allein in der Schulstube. Als der Unterricht eigentlich hätte beendet werden müssen, drückte sich Lisi an den Fensterscheiben der Schulstube vorbei.

„Warum kommst du denn nicht herein?“ fragte die Lehrerin freundlich.

„Weil ich immer noch nicht gekämmt bin“, war Lisis Antwort.

„Komm nur, ich habe dich ja bestellt.“ Mit diesen Worten holte die Lehrerin das Mädchen zu sich in die Stube. Sie nahm aus dem Schrank einen festen neuen Kamm und hielt ihn der Lisi unter die Augen. „Sieh, ich schenke ihn dir“, sagte Franziska, „Aber nur, wenn du versprichst, dass du jeden Morgen ordentlich dein Haar kämmen willst. Ich zeige dir, wie man´s macht.“

Die Lehrerin begann mit ihrer Arbeit auf dem Kopf der Schülerin. Aber die Haare waren so ineinander verkraust und verklebt, dass auch Franziska zur Schere greifen müsste. Aber dann ging es. Die Lisi bekam noch einen Scheitel und war kaum noch wiederzuerkennen. Die Freude des Kindes war vollkommen, als es den Kamm nun einstecken durfte.

In der Frühe des anderen Morgens, noch bevor Franziska ihr Frühstück eingenommen hatte, hörte sie viele Kinderstimmen vor dem Schulhaus. Sie sah hinunter und stelle fest, dass wohl die ganze Schar der Schülerinnen, die am ersten Tag erschienen waren, vor der Tür standen. Buben waren keine dabei.

„Warum kommt ihr heute so früh?“ wollte Franziska wissen.

Die Mädchen waren sehr verlegen und wussten keine Antwort. Dann sagte die Lisi: „Sie hätten auch gern einen Kamm und das Haar so wie ich.“

„Das ist recht“, sagte Franziska lächelnd. „Aber es wäre kein Kamm von mir dazu nötig. Wer keinen eigenen Kamm zu Hause hat, der melde sich.“

Augenblicklich flogen alle rechten Hände in die Höhe.

„Ja, wenn es so steht“, meinte Franziska erstaunt, „dann muss ich schon dafür sorgen, dass es anders wird.“ Sie schaute auf alle die zerzausten Köpfe und die verlangenden Augen, die zu ihr aufblickten.

Die Mädchen wurden nun der Reihe nach am Brunnen aufgestellt, und die Lehrerin begann, Haare zu kämmen und zu schneiden, Köpfe zu waschen und reinigte auch gleich die Ohren, Hälse und Arme. Dann schaute Franziska mit Wohlgefallen auf ihre Schar. Es schienen völlig andere Kinder geworden zu sein. Einen traurigen Anblick bot nur noch die Kleidung der Mädchen.

„Wer von euch kann nähen?“ fragte sie.

Nicht eine Hand hob sich.

„Nun, dann hört zu. Jeder von euch bringt morgen ein Stück mit, das ein Loch hat. Wir werden lernen, zerrissene Sachen zu flicken. Wer schön brav tut, was ich sage, erhält einen Kamm als Geschenk.“

Viel manierlicher als sonst gingen die Mädchen nach Hause. Sie hatten das Gefühl, sie seien nun andere Menschen geworden mit ihren schönen neuen Frisuren.

„Wenn ich nur all die Fetzen die ums sie herumhängen, so schnell in Ordnung bringen könnte wie die Haare“, sagte Franziska für sich.
(Quelle: In Hinterwald von Johanna Spyri, Neuer Jugendschriften-Verlag, 1962)

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