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Der Angeklagte

Kapitel 3: Der Angeklagte

Bald waren die Mädchen von einem ungewohnten Arbeitseifer beseelt. Seiner einer Woche erteilte die Lehrerin Strick- und Flickunterricht. Keines der Kinder hatte vergessen, dass der so sehr gewünschte Kamm der Preis für ihre Arbeitsamkeit sein würde.

Der neue Unterricht fand auch bei den Müttern großen Anklang, denn täglich wurden mehr Mädchen zur Schule geschickt. Kämme hatte Franziska vom Krämer so viele kommen lassen, dass der schon dachte, das Fräulein habe neben dem Lehramt noch einen kleinen Handel angefangen. Außer den Kämmen musste er auch noch Garn, Nadeln, Bänder und dergleichen schicken.

Die Lehrerin war mitten in der Arbeit, als sie wieder einmal einen fürchterlichen Lärm vor dem Schulhaus hörte. Sie eilte ans Fenster. Eine Schar schimpfender, kreischenden Buben kam dahergelaufen. Zwei Männer führten einen anderen Buben oder vielmehr: sie wollten ihn führen, kamen aber kaum weiter mit ihm. Der Bub sah aus wie ein Verzweifelter. Er biss um sich, schlug mit den Füßen und kratze, wenn er nur eine Hand freibekam. Nun stemmte er sich mit solcher Gewalt an den Boden, dass die beiden Männer ihn nicht von der Stelle brachten. Aber es dauerte nicht lange, da war der Bube dennoch überwältigt

Franziska lief hinaus. Sie stürzte sich mitten in die Buben hinein und stellte sich vor die Männer, die den Widerstrebenden festhielten. Jetzt erkannte sie Chel, der den Stein gegen ihren Blumentopf geworfen hatte.

Die Männer standen still, denn Franziska vertrat ihnen mit Entschiedenheit den Weg. „Was hat er getan, was wollen Sie mit ihm tun?“ fragte sie so energisch, dass die Männer sie erstaunt ansahen.

„Eine seiner Schandtaten“, entgegnete der eine Mann „Diesmal hat´s den Gemeindevorsteher Wächter getroffen.“

„Ins Steinloch muss er“, sagte der andere, „Das ist die einzige Strafe für ihn.“

„Nein, nicht ins Steinloch!“ schrie der Bub so verzweifelt, dass es Franziska bis in die Seele drang. Sie versuchte, die Männer zurückzuhalten. Der eine, der Unter-Metzler, stand auch sogleich still, denn er hatte großen Respekt vor der Lehrerin. Seine Töchter gingen in die Schule, und seine Frau konnte nicht genug Gutes von der neuen Lehrerin sagen.

„Was ist das Steinloch?“ fragte Franziska.

Nun hörte sie, dass es eine tiefe Grube sei, mit einem schmalen Spalt nach oben, der mit einem Steinblock leicht völlig zugedeckt werden konnte.

„Das ist ja entsetzlich“, fuhr Franziska auf. „In eine Grube ohne Licht und Luft?“

„Man lässt ihn schon nicht so lange drin, dass er erstickt“, sagte der Mann gelassen.

„Das will ich hoffen“, gab Franziska zurück. „Aber was hat er denn Böses getan, dass er eine solche Strafe verbüßen muss?“

„Er hat des Gemeindevorstehers Blaumeise lahm gemacht“, berichtete der Unter-Metzler, „er hat ihr Steine nachgeworfen, so dass sie das Bein gebrochen hat. Jetzt liegt sie da, und der Tierdoktor ist noch nicht dagewesen, denn er wohnt weit unten im Tal.“

„Das arme Blaumeisli“, sagte Chel in betrübtem Ton, offenbar ohne an seine eigene Lage zu denken.

„Die Blaumeise ist doch ein Vogel?“ fragte Franziska, die die Zusammenhänge nicht recht verstand.

„Nein, nein, die Blaumeise ist die schönste Geiß im ganzen Bezirk“, erläuterte der Unter-Metzler, „sie gehört dem Wächter.“

„Ich hab ihr nichts getan!“ schrie Chel wie einer, dem man wehtut.

„Ja, das Lügen fällt dem leicht“, sagte der Unter-Metzler. „Es war so: Die Geiß war von der Weide verschwunden, und spät nachts kam sie hinkend und halbtot zum Stall. Um das gebrochene Bein hatte sie einen Fetzen von einem Halstuch gebunden, das dem Chel gehört. Der hat ihr´s natürlich nachher umgemacht, weil er dachte, dann sieht den Bruch niemand.

„Nein, nicht darum“, schluchzte Chel, „sondern damit sie heim laufen konnte und damit ihr´s nicht so weh tat.“

„Da, nun hören Sie es selber, dass er dabei war“, triumphierte der Unter-Metzler.

„Also, du hast gewusst, dass sie ein Bein gebrochen hat?“ fragte Franziska, die nicht an Chels Schuld glauben konnte. „Wie hat sie´s denn gebrochen, wenn nicht durch einen Wurf?“

„Sie fiel über die Felsen“, sagte Chel kleinlaut.

„Das hätte der Hirtenbub auch gesehen“, versetzte der eine Mann. „Und wie hättest du ihr das Bein verbinden können, wenn sie unten auf dem Felsen lag?“

„Ich bin hinuntergeklettert und habt ihr wieder hinaufgeholfen“, sagte Chel unsicher.

„Da sieht man, wie er faselt“, sagte der andere Mann. „Der lügt noch viel zusammen. Machen wir, dass wir weiterkommen!“

„Ja, a, es ist höchste Zeit“, stimmte der Unter-Metzler zu.

Der Chel schrie wieder auf: „Ich hab´s doch nicht getan!“

„Er hat der Lehrerin auch mit einem Stein den Blumentopf zerschmettert“, sagten ein paar Buben.

In Chels Augen vertiefte sich das Entsetzen. Er sah Franziska an, als wollte er sagen: Nun ist alles aus!

„Das hat mit der Sache nichts zu tun“, entschied Franziska. „Lassen Sie mir den Buben, es ist ja auch eine Strafkammer hier im Haus. Da soll er hineinkommen.“

„Der schlägt drinnen Türen und Wände ein und läuft fort“, sagte der Unter-Metzler. „Aber wenn Sie´s verantworten wollen, Fräulein…“

Er ließ den Buben los, der andere Mann ebenfalls. Nun fasste Franziska den Knaben bei der Hand, der sich nicht mehr wehrte. Sie führte ihn ins Haus hinein und schloss die Tür hinter sich.

Franziska warf nur schnell einen Blick in die Schulstube. Die Mädchen hatten bei dem Tumult zu den Fenstern hinausgeschaut, sich jetzt aber wieder zu ihrer Arbeit hingesetzt. Die Lehrerin versprach, ihnen nachher eine Geschichte vorzulesen, wenn sie jetzt alle ganz brav und still wären. Dann ging sie mit dem Chel in ihr Wohnzimmer. Es war das erste Mal, dass sie den Buben aus der Nähe eingehend betrachten konnte. Die wenigen Kleidungsstücke, die er trug, waren völlig zerfetzt. Schuhe und Strümpfe fehlten ganz. Das dichte braune Haar fiel ihm tief in den Nacken und in die Stirn hinein. Es war eine lockige, aber gänzlich verworrene Mähne. Hungrig sah er aber seltsamerweise nicht aus.

„Chel“, sagte sie nun mit freundlichem Ton. „Ich muss wissen, ob du die Wahrheit gesagt hast oder ob du alles nur aus Angst vor der Grube ableugnetest. Ich meine es gut mit dir. Das hast du wohl schon bemerkt.“

Chel warf einen scheuen Blick auf Franziska: „Ja, aber ich weiß nicht, warum.“

„Weil du mir leid tust, und weil du keine Eltern mehr hast, die dich liebhaben und die dich beschützen.“

Der Bub schaute sie verwundert an. Er war es nicht gewöhnt, dass jemand so zu ihm sprach. Dann antwortete er: „Ich habe alles so gesagt, wie es war.“

„Aber ich begreife trotzdem nicht, wie es zuging“, meinte Franziska. „Warum hat dich der Hirtenbub nicht gesehen?“

„Ich war auch nicht dort, wo der Hirtenbub war. Und die Geiß hielt sich schon immer abseits“, erklärte Chel.

„Wo warst du denn nun wirklich?“ wollte Franziska wissen, um sich ein genaues Bild von den Vorgängen machen zu können. Chel gab keine Antwort.

„Ich muss es wissen“, sagte die Lehrerin bestimmt.

Der Bub schüttelte nur den Kopf. Er hatte keinen störrischen Ausdruck dabei. Es war, als sei er traurig, dass er es nicht verraten könne.

„Mir kannst du es doch erzählen“, sagte Franziska nun fast bittend.

Aber es war aus dem Jungen nichts herauszubekommen.

„Fürchtest du dich denn vor mir?“ nahm die Lehrerin nach einer Weile wieder das Wort.

„Ja“, sagte Chel und blickte beschämt nieder.

„Aber warum denn?“ fragte Franziska erstaunt.

„Weil ich den Stein nach Ihren Blumen geworfen habe“, gab er zur Antwort.

„Es ist gut, dass du noch daran denkst. Ich hoffe, es tut dir nun leid“, meinte die Lehrerin.

Chel nickte und versprach, dergleichen nie mehr tun zu wollen. Man sah ihm an, dass er es ehrlich meinte.

Die Lehrerin musste nun wieder in die Schulstube hinunter. Ganz wohl war ihr nicht bei dem Gedanken, den Buben allein in ihrem Zimmer zu lassen. Aber sie mochte ihn auch nicht mit zu den Mädchen nehmen. Die Schande sollte ihm erspart bleiben.

Der Bub versprach, ganz still sitzenzubleiben. Tatsächlich saß er auch noch an der derselben Stelle, als Franziska später wieder heraufkam.

Den Plan, den Buben in die Strafkammer der Schule zu stecken, hatte sie aufgegeben. Sie machte ihm in ihrer Wohnung ein Lager zurecht und atmete tief auf, als der Bub bald in einen gesunden Schlaf fiel.
(Quelle: In Hinterwald von Johanna Spyri, Neuer Jugendschriften-Verlag, 1962)

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