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Noch kein Licht

Kapitel 4: Noch kein Licht

Als Franziska am Frühen Morgen in ihr Zimmer trat, in dem Chel geschlafen hatte, stand er vor einem Bild, das sie selbst gemalt hatte. Er war so vertieft, dass er sie zuerst gar nicht wahrnahm. Dann fuhr er zusammen, als hätte er etwas Unerlaubtes getan.

„Du darfst das Bild schon ansehen“, sagte Franziska freundlich. „Gefällt es dir?“

„Ja, es hat so schöne Farben, wie ich noch keine gesehen habe“, erwiderte Chel.

Nachdem sie zusammen gefrühstückt hatten legte Franziska dem Buben ein Buch in und sagte: 2Du kannst jetzt lesen. Ich habe einen Gang vor.“

„Ich kann nicht lesen“, antwortete der Bub, aber er versprach, sich trotzdem ganz still zu verhalten.

Franziska ging. Es war noch sehr früh, aber sie wollte den Gemeindevorsteher treffen, bevor er mit der Arbeit begann. Außerdem musste sie wieder zurück sein, wenn die Mädchen zur Schule kamen. Sie sah unterwegs einige ihrer Schülerinnen am Brunnen stehen und sich waschen. Das war auch eine Neuerung, die sie erwirkt hatte.

Den Gemeindevorsteher fand Franziska im Geißenstall. Er kauerte am Boden und redete auf seine Geiß ein, die vor ihm auf der Streu lag. Franziska fragte, wie es er „Blaumeise“ gehe und ob der Tierarzt schon dagewesen sei.

„Freilich ist er dagewesen. Er hat das Bein geschient, aber nun muss es erst heilen. Er sagt, das Tier muss noch liegen. Doch solange es liegt, gibt es keine Milch.“

Er strich über das bläulich schimmernde schöne Fell des Tieres und fing dann wieder an: „Eine Milch gab sie… Nicht viel, die anderen gaben mehr… Aber eine Milch wie Blumenhonig. Und jetzt…“ Der Mann ballte die Fäuste, als wollte er einen unsichtbaren Feind erschlagen.

„Ich weiß, dass sie den Chel meinen“, fiel Franziska ein. „Um seinetwillen komme ich gerade zu Ihnen. Sehen Sie, ich bin fest überzeugt, dass der Bub Ihrer Geiß nichts getan hat. Er hat sie ja selbst gern. Und es tut ihm leid, dass sie so krank ist. Es ist sicher, dass es dem Tier ohne Chels Hilfe viel schlechter ergangen wäre.“

Jetzt brach der Zorn des Gemeindevorstehers los.

Franziska ließ den Mann poltern. Sollte er sich nur alles vom Herzen reden! Dann wollte sie wissen, wovon der Chef eigentlich lebte, was er tat.

„Nichts tut er, gar nichts! Wo er sich herumtreibt, weiß kein Mensch. Er wird des Vaters Schliche gelernt haben. Der war ein berüchtigter Schmuggler. Nach dem Tod des Vaters hatte man den Buben angewiesen, jeden Tag bei einem von uns in der Gemeinde zu essen. Drei- oder viermal tat er´s, dann nicht mehr. Wo er sein Essen her nimmt, weiß kein Mensch. Aber auf unrechten Wegen erwischt er´s, sonst wäre er schon längst verhungert. Mit dem nimmt´s ein böses Ende, noch früher und ärger als mit dem Alten, denn der Junge ist noch zehnmal schlimmer.“

Der große Zorn hatte den Vorsteher Wächter so beredt gemacht, wie er es noch nie in seinem Leben gewesen war. Franziska hatte mit betrübtem Herzen all die Anklagen vernommen. War der Chel doch der schlimme Bursche, als den sie ihn alle schilderten?

Jetzt kam die Frau des Gemeindevorstehers herausgelaufen. Sie hatte von ihrer Tochter gehört, dass die Lehrerin beim Vater im Geißenstall sei. Seit gestern hatte sich die Meinung der Frau gegenüber der Lehrerin völlig geändert. Ihre Tochter hatte unter Anleitung der Lehrerin die Hosen des kleinen Bruders geflickt. Und die Frau hatte wohl gesehen, dass das Fräulein die Hauptsache daran getan haben musste, denn die Arbeit war für eine Anfängerin viel zu schwer. Außerdem hatte das Mädchen gesagt, dass es von nun an sämtliche Sachen zum Flicken mit in die Schule nehmen werde. Die Aussicht auf eine so große Erleichterung ihrer Arbeit, und noch dazu auf ein ordentliches Aussehen ihrer Kinder, hatte der Frau des Gemeindevorstehers eine große Freude bereitet. Sie hatte ihrem Mann wohl mindestens schon zehnmal gesagt, dass es ein großes Glück für die Gemeinde sei, eine solche Lehrerin zu haben.

Jetzt riss die Frau die Tür zum Geißenstall auf und rief hinein:“ Wie kannst du denn mit der Lehrerin im Stall bleiben, Mann, wo sie die ganze Zeit stehen muss! So ein Mann hat koch keine Begriffe. Kommen Sie doch in die Stube, und seien Sie uns willkommen, Fräulein!“

Franziska dankte für die Einladung. Ein andermal würde sie gern eintreten aber nun habe sie nur noch wenig Zeit, gerade so viel, um mit dem Wächter ein letztes Wort zu sprechen. „Chel mag sein, wie er will“, sagte sie und wandte sich wieder an den Gemeindevorsteher, „aber diesmal ist er unschuldig. Sie werden also meiner Meinung sein, den Buben freizulassen.“

Aber davon wollte der Vorsteher nichts wissen.

Da fuhr seine Frau dazwischen: „Wenn die Lehrerin sagt, dass er diesmal nichts getan hat, so wird sie´s wissen.“

„Nachher wirft er der anderen Geiß auch noch ein Bein entzwei“, sagte der Mann.

„Überlassen Sie ihn mir! Ich will tun, was ich kann. Vielleicht richtet man mit Güte etwas bei dem Buben aus.“

„Den bringt kein Mensch zurecht!“ rief der Gemeindevorsteher aufgeregt.

„Sieh´ du jetzt zur Geiß“, schnitt die Frau die Rede des Mannes ab, denn sie wusste wohl, dass er leicht beleidigend wurde. „Die Lehrerin wird schon am besten wissen, was sie mit dem Buben tun muss.“

Franziska verabschiedete sich und ging. Ihr war gar nicht wohl zumute. Alle Klagen gegen Chel lagen ihr schwer auf dem Herzen. Er arbeitete also nirgends. Es war ihr gleich aufgefallen, dass seine wohlgeformten Hände nicht die Spuren der Feldarbeit zeigten, wie die Hände aller anderen Buben. Er ging auch nicht in die Häuser, um zu essen, wie er sollte. Wo nahm er seine Nahrung her? Sogar die Nächte brachte er draußen zu, kein Mensch wusste, wo. Was hatte Chel zu verbergen?

Als Franziska in ihr Zimmer kam, saß der Bub still da. „Chel, nun bist du wieder frei und kannst gehen, wohin du willst“, sagte sie. „Ich habe dem Gemeindevorsteher gesagt, dass du an dem Unfall seiner Geiß unschuldig bist.“

„Hat man das Bein vom Blaumeisli wieder heilen können?“ fragte Chel ängstlich.

„Ja, der Tierarzt war da“, antwortete Franziska und war erstaunt, wie sehr das Schicksal der Geiß den Buben zu beschäftigen schien. „Und nun, Chel, musst du dann und wann zu mir kommen. Dann wollen wir über alles miteinander sprechen. In die Schule kommst du wohl erst mit den anderen Buben im Winter?“

In Chels Augen hatte ein Freudenstrahl aufgeleuchtet bei der Aufforderung.

„Und nun noch etwas“, fuhr Franziska fort. „Suche dir Arbeit. Unten im Tal sind große Bauerngüter, da wirst du etwas finden. Sieh, jeder muss eine Arbeit haben, sonst kommt er auf verkehrte Wege. Und dann gehe ordentlich essen, wo du erwartet wirst. Bleib auch nicht die Nächte hindurch weg. Es weiß ja niemand, wo du dich aufhältst. Sieh, Chel, ich sage dir dies nur, weil mir daran gelegen ist, dass ein ordentlicher Mensch aus dir wird. Ich will nicht, dass die Leute bei allem Bösen, was geschieht, sagen: das hat der Chel getan!“

Aus Chels Gesicht war der Freudenschimmer völlig verschwunden. Es lag jetzt ein Ausdruck tierfer Traurigkeit darin, als er sich von Franziska verabschiedete.

(Quelle: In Hinterwald von Johanna Spyri, Neuer Jugendschriften-Verlag, 1962)

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