Renabuch.de, Geschichten, Märchen, Sagen, Lyrik, Lieder, altdeutsche Schrift, lateinische Schrift, online lesen, kostenlos

Aufruhr und Frieden in Hinterwald

Kapitel 6: Aufruhr und Frieden in Hinterwald

Der Chel wohnte nun bei Franziska. Aber sie wollte nicht, dass er weiterhin auf der Bank im Wohnzimmer schlief. Er sollte ein eigenes Stübchen haben. Sie hatte auch schon einen Plan geschmiedet.

Am nächsten Tag ging sie zum Gemeindevorsteher. „Wie geht es dem Blaumeisli?“ wollte Franziska wissen.

„Die springt sein ein paar Tagen wieder auf der Alm herum, höher als die anderen“, gab der Mann Bescheid. „Aber etwas hat sich durch den Beinbruch geändert. Sie gibt jetzt mehr Milch als früher. Doch der Geschmack hat nachgelassen.“

Der Gemeindevorsteher machte ein nachdenkliches Gesicht und sah die Lehrerin fragend an. Ob sie nicht wusste, wie das zusammenhing, wo sie doch sonst so klug war? Aber Franziska hielt es nicht für ratsam, eine Erklärung abzugeben. Sie hatte auch etwas anderes mit Wächter zu besprechen. Und so sagte sie: „Ich habe den Chef zu mir genommen und will ihn auch bei mir behalten. Nun möchte ich, dass mir die Gemeinde den Raum zur Verfügung stellt, den sie das Strafloch nennen. Ich will ein Fenster in die Wand brechen und einen richtigen Boden hineinlegen lassen. Dann richte ich die Stube für den Chel ein. Mit den Buben in der Schule werde ich auch ohne Strafloch fertig.“

Der Vorsteher sah die Lehrerin an, als spräche sie im Fiebertraum. Als er aber merkte, dass es ihr Ernst war mit den Dingen, brummte er: „Ich habe von Anfang an gesagt, es geht schief mit einer Lehrerin. Da soll ein Umbau gemacht werden – und warum? Damit der größte Lump und Vagabund eine eigene Stube bekommt!“

„Chel wird beweisen, wer er in Wirklichkeit ist“, entgegnete Franziska. „Es sollte ihnen genügen, wenn ich die Verantwortung übernehme.“

Franziska wandte sich um und ging. Draußen traf sie die Tochter des Vorstehers, ihre Schülerin, der kein Wort entgangen war.

Jetzt rannte das Mädchen in größter Aufregung zu dem Häuschens des Ober-Metzlers. „Lisi, Lisi“, rief das Kind der Freundin zu. „Komm schnell heraus. Oh, denk nur, die Lehrerin geht fort. Welch ein Unglück das ist!“

„Was?“ schrie Lisi auf. „Was sagt du da? Wir sind ja gar nicht mehr so schlimm wie früher. Und fast kein Mädchen kommt mehr ungewaschen in die Schule. Warum will sie denn gehen?“

„Weil mein Vater nicht will, dass das Strafloch umgebaut wird“, sagte die Tochter des Gemeindevorstehers. Dann schoss sie davon, um die wichtige Nachricht weiterzuverbreiten.

Jetzt ließ es auch der Lisi keine Ruhe mehr. Auch sie verkündete, was sie erfahren hatte, überall. Als Feierabend in Hinterwald war, sprachen die Leute von nichts anderem mehr: Die Lehrerin geht fort. Warum, hatte keiner recht verstanden. Man hörte nur, dass der Gemeindevorsteher den Umbau der Schule nicht genehmigen wolle.

Nun taten sich besonders die Frauen zusammen, aber auch ihre Männer schlossen sich an. Und dann ging´s zum Gemeindevorsteher. Alle schrien ihn entrüstet an, dass er die Lehrerin forttreiben wollte. Jeder wusste etwas Gutes über die Lehrerin zu sagen, und keiner konnte sich vorstellen, wie es fortan im Dorf ohne sie gehen solle.

Der Gemeindevorsteher kam gar nicht zu Worte. Endlich konnte er erklären, dass es nicht allein um den Umbau gehe, sondern vor allem darum, dass die Lehrerin den Bau für den Bösewicht, den Chel, verlangte. Den wollte sie ganz zu sich nehmen.

Jetzt schrien sie alle durcheinander vor Überraschung. Man hatte gedacht, dass es sich um einen großen Umbau handeln solle, der erschreckende Mühen und viele Kosten für die Gemeinde nach sich würde. Dass sie den Chel zu sich nehmen wollte, erschreckte niemanden.

„Wenn sie´s mit dem Chel aufnimmt, so zeigt sie, was für eine handfeste Person sie ist. Dann wird sie´s mit unseren Buben auch aufnehmen können.“

Dem Gemeindevorsteher stand ganz verwundert da, denn es war alles so anders gekommen, als er gemeint hatte.

Vier Wochen nach diesem Ereignis, als der Chel schon in sein neues Stübchen eingezogen war, saß eines Morgens, als die Kinder in die Schule kamen, ein wohlgekleideter Junge dort. Er zeichnete nach einer Vorlage und schaute gar nicht auf, so vertieft war er in seine Arbeit. Die Mädchen hatten den Buben zuerst gar nicht erkannt.

Aber jetzt zupfte Lisi ihrer Nachbarin am Ärmel: „Ich wette, es ist der Chel!“

„Und ich wette, dass er es nicht ist“, sagte die Tochter des Gemeindevorstehers. Noch heute hat mein Vater gesagt, mit dem Chel sei es schon schiefgegangen, denn man habe von dem Buben in den ganzen Wochen nichts mehr gesehen und gehört.“

Aber Lisi hatte recht. Es war der Chel, wenn er auch kaum noch wiederzuerkennen war. Franziska war sehr stolz auf ihn. Mit Wohlgefallen blickte sie auf den Jungen und dann auf seine Arbeit. Er hatte unter ihrer Anleitung erstaunliche Fortschritte im Malen gemacht.

Vier Wochen lang hatte sie ihn ganz in ihrer Stube behalten, weil sie es für besser hielt, wenn vor den Kindern und der Gemeinde gleich ein neuer Chel erschien. Die Überraschung war ihr gelungen!

Am meisten freute es sie aber, dass der Bub von Herzen glücklich bei ihr war. Ein wenig Angst hatte sie schon gehabt, denn sie meinte, er würde sich nach seiner Freiheit oben in den Bergen zurücksehnen. Aber bisher hatte er nichts vermisst. Er hatte nur arbeiten wollen.

Sie gab ihm jetzt das Blatt mit den Feldblumen, die er gemalt hatte, zurück. „Chel“, sagte sie, „Über deine Arbeit freue ich mich mehr, als ich es mit Worten ausdrücken kann. Aber erkläre mir, warum du manche der Blumen anders gemalt hast als auf der Vorlage, die ich dir gab?“

„Oh, ich kenne sie so gut“, sagte er. „Ich habe sie jahrelang beobachtet. In der Natur sehen sie schon ein wenig anders aus als auf der Vorlage.“

Franziska lächelte: „Dann mach´ du sie nur so, wie sie in Wirklichkeit sind. Wir werden hinaufsteigen zu deiner Blumenwiese und uns lebendige Vorlagen holen.“

Von nun an stiegen die beiden jeden Abend zur Bergwiese hinauf. Die Dorfbewohner sahen ihnen nach und sprachen davon, dass die Lehrerin an dem Chel ein Wunder bewirkt habe. Diese Tatsache erhöhte ihr Ansehen noch mehr.

So ging der Sommer dahin. Im Winter kamen dann auch die Buben in die Schule, aber das Strafloch vermisste Franziska nie. Sie hatte viel Arbeit, denn es gab viel nachzuholen. Aber die Kinder gaben sich alle Mühe. Der beste Schüler wurde der Chel.

Als es wieder Frühling wurde, holten Franziska und der Chel sich aus den Bergen neue Blumen als Vorlagen. Die Bilder gelangen ihm jetzt immer besser. Er hatte Franziska längst überflügelt.

Eines Tages, als es auf den <herbst zuging, gab es eine große Überraschung. Der Geldbriefträger kam aus dem Tal herauf und brachte für Chel ein ansehnliches Sümmchen. „Nun wir haben gewonnen!“ rief Franziska aus. Aber der Bub begriff gar nichts mehr.

Die Lehrerin musste ihm erst erklären, dass sie seine Blumenbilder einem Verlag in der Stadt geschickt hatte. Man hatte vor einiger Zeit bei ihr angefragt, ob sie nicht die Bilder für ein großes Buch über die Pflanzenwelt der Alpen malen wolle. Sie hatte abgelehnt und statt dessen die Arbeiten von Chel eingereicht. Nun waren sie angenommen und sogar schon bezahlt worden. In dem Begleitbrief wurden dringend weitere Bilder gewünscht.

„So wird es weitergehen“, sagte Franziska glücklich. „Für deine Blumenbilder bekommst du Geld wie heute. An Arbeit wird es dir nie fehlen, denn es gibt wenige, die malen können und gleichzeitig die Pflanzen unserer Heimat so gut kennen wie du.“

Chel bat die Lehrerin, das Geld für ihn zu verwahren. Nur ein paar Franken bat er sich aus. Damit lief er in die Häuser, in denen er früher einmal zum Essen war. Er legte dort jeweils ein Frankenstück auf den Tisch und sagte: „Abbezahlt!“

Dass der Chel nicht nur Geld verdient, sondern auch gleich daran gedacht hatte, seine Schulden zu bezahlen, machte einen ungeheuren Eindruck in ganz Hinterwald. Nun erkannten alle an, dass der Chel arbeiten konnte. Wenn er sogar Geld dafür bekam! Früher hätten die Hinterwäldler das Malen vielleicht nicht als Arbeit angesehen, weil sie ja auch gar nicht davon verstanden. Aber nun waren sie überzeugt, dass der Chel einmal ein angesehener Künstler werden würde.

Und das alles hatte die Lehrerin zustande gebracht!

Dem Gemeindevorsteher Wächter gab die Erfahrung, die er um diese Zeit machte, noch mehr zu denken als Chels Umwandlung. Er stand nachdenklich in seiner Stalltür, den Milcheimer in der Hand, und probierte mit dem Finger von der Milch, die er eben vom Blaumeisli gemolken hatte. Schon lange hatte er bemerkt, dass das Tier wieder seine kräftige Milch gab, die es zur Zeit des Beinbruchs verloren hatte. Aber noch etwas Merkwürdigeres geschah: nicht nur die bessere Milch gab das Tier wieder, sondern nun auch eine Menge wie nie zuvor.

Wie das sein konnte, war dem Vorsteher trotz allen Nachsinnens bisher unbegreiflich geblieben. Heute machte er sich seine besonderen Gedanken darüber. Er stand noch nachdenklich da, als seine Frau herauskam, die Milch zu holen, auf die sie vergeblich wartete.

„Ich habe etwas gesehen, das mir Gedanken macht“, sagte er. „Dass es einen besonderen Grund hat, wenn eine Geiß so gute und nun auch so viel Milch gibt, ist klar. Aber ich konnte den Grund nicht herausfinden. Heute nun komme ich vom Holzen und schaue zur Passhöhe hinauf. Da sehe ich die Lehrerin mit dem Buben kommen.“

„Da ist nichts besonderes dran“, unterbrach die Frau. „Die beiden gehen jeden Tag hinauf und holen frische Blumen, die der Chel dann malt.“

„Ja“, sagte der Mann, „aber trotzdem weißt du nicht was ich gesehen habe. Kommt also die Lehrerin mit dem Buben! Und wen haben sie in der Mitte? Das Blaumeisli! So vertraulich tat das Tier, als gehörte es der Lehrerin und nicht uns. Jetzt überlege ich nur, ob diese Lehrerin auch einen günstigen Einfluss auf die Geiß ausüben kann.“

„Natürlich“, sagte die Frau überzeugt, „wenn eine aus dem verrufensten Buben einen Künstler machen kann, wird sie mit solch einer Geiß erst recht etwas zustande bringen. Du siehst, wie gut sie´s mit uns meint. Nun wirst du wohl nicht mehr sagen, dass es mit einer Lehrerin schiefgehen muss!“

(Quelle: In Hinterwald von Johanna Spyri, Neuer Jugendschriften-Verlag, 1962)

Keine Kommentare möglich!.