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Die erste Beicht´

eine Novelle von Karl Schönherr.

Das gehörte zum Schrecklichsten, was der zehnjährige Knirps bisher in seinem Leben mitgemacht hatte – die Gewissenserforschung.

Ihr müßt aber nicht glauben, daß ich der Lump dieser Geschichte bin. Taufen wir also den Buben kurzweg – „Hansl“, damit das Kind einen Namen hat.

Die Mutter hatte für den Hansl schon in aller Früh´ beim Krämer einen großen Bogen Schreibpapier eingekauft, und einen Bleistift Nr. 1.

„Hansl,“ sagt sie dann, von der Frühmesse heimgekommen, „da setz´ dich jetz´ her zum Tisch, mit dem G´sicht gegen das Kruzifix! Da hast Papier – hoffentlich langt´s – und jetzt denk´ einmal ernstlich nach, was du schon alles getrieben hast! Schreib´ dir´s fein auf, die groß´n Brock´n und auch die klein´, auf daß du deine Sach´n beiander hast für die erste Beicht´ heut nachmittag! So, jetzt laß i dich allein!“

Dann begab sich die Mutter mit schlürfendem Tritt in die Küche und hantierte dort herum; aber viel stiller als sonst, um den Gewissen erforschenden Hansl in der Stube drin ja nicht zu stören.

Also; da sitzt er jetzt der Hansl! eigentlich klebt er nur an der äußersten Kante des Stuhles. Bald nagt er am Bleisstift, bald, wenn ihm ein großer „Brock´n“ einfällt, fährt er sich ins Haar, das wie Strohgarben aus seinem Kopfe schießt.

Hin und wieder schleifte er mit der aufgestellten Hohlhand blitzschnell über die Tischfläche und, wohlgemerkt, nie vergebens. Jedesmal zog er zwischen den sich vorsichtig öffnenden Fingern eine oder auch mehrere Fliegen hervor; er drückt ihnen heute bloß die Köpfe ein; Flügel und Füße läßt er in Anbetracht der bevorstehenden Beichte ungeschoren.

Wie er nun so seine paar Jahre im Geiste an sich vorüberziehen ließ, kam ihm der helle Schweiß auf die Stirn. Lumpereien tauchten da vor dem Hansl auf; grün und blau wurde ihm vor den Augen.

Und dazu machte die Uhr im Kasten:

Wart´ – wart´ – wart´ – wart´!

Am schwersten drückte ihn die getigerte Katze der Pfarrersköchin. Diese Tigerkatze hatte er vor einem halben Jahre in aller stille ganz kunstgerecht stranguliert und den Leichnam in Hühnerstall aufgehängt.

„Wie du mir, so ich dir!“

Denn der Hansl war ein Vogelnarr; eine Katze hatte ihm einmal seine singende Freude erwürgt. Darum hatte er diesen „Luderviechern“ allsamt den Tod geschworen.

Hinter dem nahen Holunderstrauch hatte er nach vollbrachter Moritat gepaßt, bis die Häuserin den Hühnern das Futter brachte. Diese wutverzerrten Züge und schauerlichen Grimassen der überdickleibigen Pfarrersköchin mit der kaffeebraunen Warze neben der Nase – oh, da überläuft heute noch den Hansl ein wonniges Gruseln.

… Dem Stangenbauer seinen Peitschenstiel abgebrochen… schreib er weiter auf den Sündenzettel.

… Dem Innsbrucker Boten zwei volle Kornsäcke aufgeschnitten…

… Der mutter mit einem Strohhalm die Milch aus dem Schüsseln gesaugt…

So schreib er; eine Lumperei nach der andern.

Erst gestern noch hatte er das mit dem Strohhalm gemacht. Auf die Weise brachte er es zustande, daß die Rahmschicht obenauf unversehrt blieb; und darunter schwand die Milch. Die Mutter – sonst nicht abergläubisch – glaubte schon an Hexerei.

Der Hansl riet ihr, das Milchstübel vom Pfarrer „aussegnen“ zu lassen.

Oh, der Hansl war ein Früchtl!

Erst als er sich bis hoch in die Dreißig hineingeschrieben hatte, ging es langsamer; und endlich fiel ihm nichts mehr ein. Er last fünf-, sechsmal das ganze Register durch, damit er in Übung komme; nicht etwa im Beichtstuhl stecken bleibe und so den Pfarrer noch giftiger mache, als es ohnehin schon vorauszusehen war.

Schließlich setzte er getreulich den vollen Namen unter das Sündenprotokoll, und das Datum. Dann wickelte er den sorgsam zusammengefalteten Zettel in sein Schnupftüchel und steckte es in den Hosensack.

Das Mittagessen, Dampfnudel mit kalter Milch, schmeckte dem Hansl heute nicht so gut wie sonst. Die Milch rührte er gar nicht an; erinnerte ihn zu lebhaft an die Geschichte mit dem Strohhalm. Er getraute sich auch nicht, der Mutter ins Gesicht zu schauen; denn nun trug er es schriftlich in der Tasche herum, daß er ein ganz nichtsnutziger Junge sei.

„Hast recht große Brock´n?“ forschte die Mutter.

„Hm! So mittel druch,“ meinte der Hansl kurz nebenhin, und ließ sich nicht weiter ein.

Nach dem Essen schlich er sich in die Schule und von dort gemeinsam mit den anderen Buben unter Aufsicht des Lehrers in die Kirche.

Dort ging es bald los. Der Pfarrer „saß“ schon, als der jugendliche Büserzug daherkam. Ein Knirps nach dem anderen betrat reuig und ängstlich den Beichtstuhl, um ihn mit protziger Sicherheit wieder zu verlassen.

Es ging wie auf dem Schnellsieder.Die Bürschlein hatten ihre wenigen lumpigen Süden fein sauber abgeschrieben und lasen sie herunter wie ein Kapitel aus der Bibel.

Das Aufschreiben hatte der Pfarrer selbst den Buben angeraten:

„Nur alle Sünden fein aufschreiben, Bübeln; damit ihr ja nix vergeßt! Wenn ihr erst einmal all´s bereut und einbekennt habt, dann sollt ihr erst sehen, was das für ein Gefühl ist; so ring- und federleicht; man kann´s nit beschreiben; man kann´s nur fühlen!“

Schwer ging´s dem Hansl mit Reue und Vorsatz. Mitten darin plagten ihn immer wieder weltliche Gedanken.

„Die Braung´fleckte, dö die Häuserin jetzt hat; wenn i nur die amal dertapp´n tät; der wollt´ ich den Kragen zuschnüren; na, vielleicht erwisch´ ich sie morgen…“

Endlich traf´s ihn; den strohhaarigen, verschmitzten Hansl. Mit schlotternden Knien wankt er in den Beichtstuhl. Schon hat der Pfarrer das kleine Türchen aufgemacht; der Hansl soll beginnen. Der aber sucht und sucht – nach dem Sündenzettel.

Der Pfarrer wurde schon ungeduldig: „Kreuztibidomine! Fang einmal an!“

Der Hansl, krebsrot im Gesicht, stiert in allen Säcken herum, beutelt sein Schnupftuch hin und her, und muß endlich als erstes bekennen:

„I find´ meine Sünden nimmer!“

„Ah! Hast die Tabell´n verlor´n; Saggramentsbua!“

Der Pfarrer half dann aber doch nachsichtig und liebevoll dem Gedächtnis des Hansl nach.

Da kam zuerst zagend die Katzengeschichte; dann schlüpften die Kornsäcke herfür; und schließlich haspelte der Hansl seine Sündenlast nur so herunter. Nichts vergaß er, es waren ja lauter typische Fälle.

Als er zu Ende war, wartete er den Pfarrer ab; mutig, mit Fassung. Was wollte der auch machen! Schreien durfte er nicht; da wäre das Beichtgeheimnis in Gefahr; nach den Ohren oder dem Schopf langen konnte er nicht, denn da war ein engmaschiges Gitter dazwischen.

Ja, von dem Gitter war der Hansl schon ganz besonders befriedigt. So eine Einrichtung! So fürnehm und ausgesucht praktisch.

Gar so böse war der Pfarrer nicht einmal. Betreffs der Katze fragte er bloß:

„Hast das Vieh gepeinigt?“

„Na! Grad´ ein bissel aufg´hängt!“

Weiter ward kein Sterbenswörtchen über Muinz und Maunz gesprochen.

Ja, es dünkte den Hansl im Dämmerlicht, als hätte der Pfarrer dazu gar ein bissel geschmunzelt.

Die Braung´fleckte werd´ i auch nit leid´n lass´n; ´s hängen geht g´schwind, und i bin schon in der Übung, dachte sich der Hansl, als er nach Verrichtung der Buße froh aus der dämmerigen Kirche ins Freie trat.

Wie er aus dem Freithof schritt und neben dem Pfarrhof abschwenkte, überwältigte ihn das Wohlbehagen. Es war ihm so federleicht. Er machte einen Luftsprung.

Aber er war noch nicht mit beiden Füßen wieder auf dem Boden, da hatte ihn schon die massige Häuserin beim Kragen; zerrte ihn mit wutfunelnden Augen die zwei Schritte gegen den Holzschuppen.

Dort ergriff sie ein Scheit.

„Also du bist´s gewes´n!… Du hast meine Tigerkatz´ umgebraucht! Da hast!“ kreischte sie und hieb auf den Hansl ein. Immerzu schrie sie:

„Da hast! Da hast!“

Und der Hansl hatte von ihr doch nichts verlangt.

Aber sie gab und gab.

Der Hans brüllte, daß die Hennen vor dem Schuppen angstvoll aufgackernd auseinanderstoben.

„I tu´s g´wiß, ganz g´wiß nimmer!“

Auf solche Art erweckte die Pfarrersköchin noch nachträglich in dem Hansl Reue und Vorsatz.

Endlich warf sie das Scheit wieder zu den andern und den Hansl aus dem Schuppen. Während er sich erhob, um schleunigst das Weite zu suchen, ertönte vom niederen Dache ein spöttisches Miau der braungefleckten Katze. Aber der Hansl lief und dachte nicht ans Hängen.

Wie kam die zu der Katzengeschichte?

Der Hansl hatte schon früher öfters die Pfarrersköchin gedankenlos eine alte Hex´ geschimpft.

Jetzt hätte er´s beschwören können. Das war die hellichte Hexerei!

Als er heimkam, wartete schon die Mutter vor der Haustür. Die Hände hatte sie nach rückwärts zusammengeschlagen, als hielte sie dort etwas verorgen, was nicht jeder Mensch zu sehen brauche.

„So, Bübl, bist da,“ begrüßte die Mutter den Jungen auffallend scharf. „Jetz´ komm nur in die Stub´n!“

Drinnen kam der Stecken zum Vorschein.

„Wart´, Bürschl, deine Spitzbübereien mit dem Strohhalm! Jetz´ will i einmal dich aussegnen; vielleicht hilft´s dann im Milchstübel!“

Und dann ging die ergrimmte Mutter über den Hansl.

Die Häuserin hatte sich hauptsächlich auf den Rücken des kleines Sünders beschränkt. Die Mutter ging – praktisch wie die Mütter sind – um einen Schritt weiter. Und gründlich nahm sie´s, das muß man ihr lassen.

Hm! Es ist doch ein´ recht schöne Sach´ um das Beichtgeheimnis, dachte sich der Hansl; und das Gefühl nach der esten Beicht´ ist auch recht schön!

Dann kroch er mehr, als er ging, durch die Hintertür auf die Wiese; legte sich hart am Zaune ins feuchte Gras. Der grüne, feuchte Rasen kühlt. Der Hansl fühlte instinktiv, was ihm not tat. Zerschlagen an allen Gliedern, wie er war, schlief er bald ein.

Ein schmerzhaftes Ziehen und Reißen im Kopfe erweckte ihn bald wieder.

Die Ursache davon war nicht etwa eine Erkältung, wie man meinen möchte; sie trug einen viel bestimmteren Charakter.

Der klapperdürre, geizige Stangenbauer war schon auf der Suche nach dem Peitschenstielverderber gewesen. Und wie er so spähend um das Haus schlich, entdeckte er ihn hinter dem Zaun.

Da schob un der Stanger knieend, mit fest aufeinandergekniffenen Lippen, vorsichtig seine beiden Fangarme durch die Lücke des Zaunes. Dann faßte er, immer noch leise hantierend, Hansls Ohren und Kopf zwischen die krallenartig umgebogenen Hände. Ganz so wie die Köchin den großen Suppenhafen an den Handhaben anpackt. Erst als der Bauer beiderseits festen Griff hatte, fing er an, symmetrisch anzuziehen. Daher das Gefühl des Reißens in Hansls Kopf. Der Hansl schrie:

„Auweh! Meine Ohr´n!“

Weiter sprach er kein Wort; er grinste nur. Aber es hatte den Anschein, als ob er sich darauf kaprizieren würde, Hansls dicken, kugelrunden Kopf durch den handbreiten Zaunspalt zu zerren. Als er endlich nach geraumer Zeit seine Krallenfinger öffnete, da waren Hansl Ohren so blaurot wie zwei Truthahnkämme.

So war der Hansl noch nie malträtiert worden wie heute. Und der Pfarrer hatte ihnen eingeredet, die Seligkeit nach der ersten Beichte sei nicht zu beschreiben, die müsse man fühlen.

Der Hansl bedankt sich schön! Er wünscht dem Pfarrer auch solche unbeschreibliche Gefühle.

Am nächsten Morgen konnte er sich kaum zur Kommunionbank schleppen, so steif und schmerzhaft waren seine Glieder. Und eine erschreckliche Nervosität hatte ihn befallen. Bald vermeinte er die Klauen des Stangenbauern an seinen Ohren zu verspüren, oder er fühlte die salbungsvollen Hiebe der Mutter mit dem Birkenen.

Nach der Kommunion macht sich Hansl heim, so schnell er konnte. Er zog wieder sachte, sachte die Liebe zum Leben ein. Denn zu Hause erwartete ihn heute gewiß nicht mehr der Stecken, sondern Kaffee und „Guglhupf“ mit großen „Zibeb´n“.

Der Hansl hat alles „putzweg“ aufgegessen. Aber stehend verzehrte er das Frühstück. Die Mutter lud ihn zwar immer zum Sitzen ein:

„Hansl, setz´ dich! Mach´ dir´s kommod! Tragst uns ja den Schlaf aus!“

Aber der Hansl schüttelte den Kopf:

„Der birkene Segen von gestern wirk noch!“

Als nach und nach Hansl Ohren abzuschwellen begannen und auch Mutters „Segen“ allgemach die Kraft verlor, kam ihm wieder der Verstand. Und da brachte er es leicht heraus, daß der verlorene Sündenzettel für ihn so verhängnisvoll geworden war.

Der Flatscher-Simele, so was man sagt, ein guter Freund, hatte den „Zettel“ gefunden, und war damit sofort wie ein Leichenbitter von Haus zu Haus gelaufen, um Hansls Missetaten an die richtigen Adressen zu befördern. Hatte auch zur Erweisung seiner Behauptung überall den Zettel mit Hansls eigenhändiger Unterschrift vorgewiesen.

Der Hansl hat aber dann ein gut Teil jener „seligmachenden Gefühle“, die seine erste Beichte in ihm ausgelöst, an den Simmele weitergegeben, und ihm den Buckel vollgehämmert.

Quelle: Reclams Universal Bibliothek, Nr. 6459

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